Den Schubladenschlüssel vom Schreibtisch hat sie in der Spielkiste versteckt, ein Wasserglas über ihren Strampler gekippt und mit wachen Äuglein sucht sie nach der nächsten Möglichkeit, das Büro von Ulrike Starke in eine Spielwiese zu verwandeln. Kurz: Luzia* ist mit ihren 18 Monaten ein wahrer Wirbelwind. Und Starke freut sich darüber. Denn sie begleitet Luzia und ihre Mutter Sophia* seitdem die Kleine das Licht der Welt in der 30. Schwangerschaftswoche als Frühchen erblickte.
Ulrike Starke koordiniert als Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin die "Frühen Hilfen" beim Caritasverband Emsdetten-Greven e.V. . Nach Luzias Geburt in Rheine wurde sie über das Netzwerk "Bunter Kreis Münsterland" informiert, dass hier ein Frühchen und seine junge Mutter Unterstützung beim Start ins Leben gut gebrauchen können. Erste Kontakte wurden geknüpft, während die Mama Sophia noch einige bange Wochen im Krankenhaus verbringen musste. "Ich gehörte da schon fast zum Inventar", erinnert sich Sophia an die zweieinhalb Monate, die sie am Spital verbringen musste, bis Luzia bereit für die Entlassung den normalen Alltag eines Säuglings war.
Doch, was heißt schon normal? Die junge Mutter unerfahren und etwas traumatisiert vom schweren Start, das Verhältnis zum Vater instabil, die Wohnsituation schwierig. Dazu bevorstehende Behördengänge, engmaschige Untersuchungen für Luzia und ein komplett neuer Alltag. Kurz: Eine Zukunft voller Fragezeichen. "Aber da hatte ich Frau Starke schon kennengelernt", erinnert sie sich formuliert sichtlich dankbar, "sie hat mir wirklich sehr geholfen."
Ulrike Starke war bereits im Krankenhaus bei der Übergabe dabei, zusammen mit Ärzten, Pflegerinnen und der Hebamme für die Nachsorge. Denn Ziel ihrer Arbeit ist es nicht, die Mutter sorgenfrei zu halten, sondern sie zu ertüchtigen, ihr Leben mit einem Kleinkind selbstbewusst zu gestalten. "Wir wollen die persönlichen und familiären Ressourcen stärken, um Krisen präventiv abzufedern oder abzuwenden", erklärt sie den Grundsatz der "Frühen Hilfen". Die Familienkrankenschwestern fördern deshalb vor allem die Bindungs- und Erziehungskompetenz sowie die Selbstwirksamkeit der Eltern, festigen positives Erleben und Verhalten im Alltag.
Durch eine sensible Säuglingsbeobachtung lernen Eltern, ihr Kind im eigenen Tempo zu begleiten. Wichtig ist, dass die Eltern sich selbst innerlich stabilisieren, um ihrem Kind ruhig und präsent zu begegnen. Achtsame Berührungen spielen eine große Rolle, feste Routinen und Abläufe. Das alles erklärt Starke während Sophia ihren kleinen Wirbelwind mal laufen lässt und dann wieder auf den Schoß nimmt und sanft übers Köpfchen streichelt. Die Unordnung in ihrem Büro lächelt Ulrike Starke locker weg. Sie freut sich sichtlich über das Temperament von Luzia und das liebevolle Verhalten von Mama Sophia.
Die "Frühen Hilfen" weisen junge Eltern darauf hin, was sie selbst können und wo es begleitende Hilfe gibt. Neben der individuellen Begleitung im häuslichen Umfeld runden Gruppenangebote und offene Begegnungsorte das präventive Spektrum ab. Das "Café Kinderwagen" richtet sich beispielsweise als offenes Begegnungsangebot an Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern bis zum dritten Lebensjahr. Aber auch ehrenamtliche Paten - von der Caritas vermittelt - können eine große Hilfe sein sowie unterstützende Angebote der anderen Sozialträger vor Ort.
Ein Sprichwort lautet: "Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf". Netzwerke sind deshalb wichtig. Aber auch Eltern, die sie zu nutzen wissen und Lotsen, die im oft stürmischen Alltag den Weg weisen. Genau hier setzen die "Frühen Hilfen" an. Das Ziel lautet: Gestärkte Eltern in einer starken Gemeinschaft. Luzia und ihre Mutter haben bereits große Schritte dahin gemacht.
Die Hilfen für Kinder, Jugendliche und Eltern beim Caritasverband sind unter 02572/157 39 zu erreichen.
*Die Namen von Kind und Mutter wurden aus Datenschutzgründen im Text geändert.